Wandel der Zeit – Beratungsgebühren im Reisenbüro

... oder wo die Mischrechnung nicht mehr funktioniert

von Ruedi Ellenberger, November 2004 - Aufgrund der Einführung 0% Provision vo Airlines an Reisebüros ab 01. Januar 2005

 

 

Seit wir unser Reisebüro 1988 gegründet haben, konnten wir unseren Stammkunden-Anteil stetig vergrössern. Wir haben immer faire Dienstleistungen geboten, d.h. dem Kunden die Reisen so zusammengestellt, wie dies gewünscht wurde. Wenn jemand den top-günstigsten Flug wollte, haben wir „stundenlang“ im Computern nach diesen Varianten gesucht und gefunden.

 

 

Wir haben auch mal ein „Fünfi grad stehen lassen“, also nicht für jede viertel Stunde sofort eine Honorarrechnung gesendet. Ich bin immer davon ausgegangen, dass eine gute Beratung eigentlich zu einem Buchungsabschluss kommt. Das war auch der Fall in 95% der Anfragen, oder wenn mal jemand nicht gebucht hat, kam er/sie sicher bei der nächsten Reise wieder zu uns oder hat uns weiter empfohlen. So ist ACAPA zwar langsam, aber stetig und gesund gewachsen. Mit diesem Konzept konnten wir für uns eine Mischrechnung anstellen, einmal haben wir mehr verdient, einmal weniger, Ende Jahr ging unsere Rechnung auf.

 

 

Es ändert sich nun nicht alles, aber einiges doch. Die Swiss International Air Lines – also unsere National-Fluggesellschaft – und damit die meisten anderen Airlines auch, werden allen Reisebüros in der Schweiz ab dem 1. Januar 2005 keine Verkaufs-Provision mehr vergüten. Wieso? – Hier muss ich ein wenig ausholend erklären:

 

 

Wie in jedem Handelsunternehmen wo ein Produkt hergestellt wird, ist man früher oder später nicht mehr alleine fähig sein Produkt oder seine Dienstleistung (Airline – Flugsitze, Hotel – Übernachtungen) zu verkaufen, man sucht sich Partner und Verkaufsagenturen die das Produkt zusätzlich vertreiben. Dafür bezahlt man seinem Partner eine Verkaufsprovision. Diese Verkaufsprovision ist normalerweise im Preis eingerechnet, ob die Beratung/Verkauf von den eigenen Mitarbeitern oder von den Mitarbeitern der Agentur gemacht wird, kommt eigentlich nicht drauf an, die „Distributionskosten“ sind (meistens) genau gleich. Also zahlt der Kunde nicht mehr, ob er diese Dienstleistung beim „Produzenten“ oder bei der „Agentur“ kauft.

 

 

Nach diesem Prinzip wurden bis anhin auch Flugreisen verkauft. Bis Anfangs der Neunziger Jahren haben die Reisebüros von den Airlines eine Verkaufsprovision von 9% erhalten (später noch 7%). Dafür haben sie den Kunden beraten, die Flüge gebucht, die Tickets ausgestellt, die Umbuchungen, die Annullationen, die Rückerstattungen, das Inkasso gemacht etc.  Man hat generell 7% auf jedem Ticket erhalten, sei es auf einem Business Klasse Ticket nach Singapore für Sfr 8657.- oder einem günstigen Economy Klasse Ticket nach London für Sfr 150.-. Beim Singapore Tarif hat man Sfr 606.- „verdient“, beim London Tarif Sfr 13.50. Die Abmachungen zwischen den Airlines und Reisebüros war so, dass man eine Mischrechnung machte, und Ende Jahr eben mit allen verkauften Tickets und einer Provision von 7% einen Ertrag erwirtschaften konnte, damit man die Kosten eines Büros bezahlen konnte, inkl. Mitarbeiterlöhne und Ausbildung der Lehrlinge.

 

 

Ich erinnere mich, dass in den Achtziger Jahren die Diskussion stattfand, die Provision von 9 auf 10% zu erhöhen... das Gegenteil kam, Mitte der Neunziger Jahre wurde die Provision von 9 auf 7% gesenkt. Warum? Die Airlines hatten sich selber nicht mehr im Griff, und „flogen“ nur noch Verluste ein. Der Grössenwahn einiger sogenannter studierten Wirtschaftmanager führte dazu, dass diese die Realität der Unternehmungsführung verloren, alles was sie an den so hoch gepriesenen Marketingschulen theoretisch gelernt haben, wollten sie praktisch umsetzen. Dass dahinter auch noch eine ganze Gesellschaft mit Menschen steht, wurde schlicht übersehen oder bewusst ignoriert. Monopoly ist nur ein Spiel und nicht Realität... Die Marketingleute der grossen Airlines haben immer neue und tiefere Tarife auf den Markt „geworfen“. Heute hat die Tarifstruktur ein Ausmass an „Dekadenz“ angenommen: zwischen New York und Los Angeles gibt es 279 verschiedene Tarife mit verschiedenen Konditionen! Dieser Entwicklung zur Folge kam die Ertragseite der Airlines ins schleudern und einige Airline Manager haben erkannt, dass ein Reisebüro für ein wie oben erwähntes Flugticket nach Singapore Sfr 606.- „verdient“?! - von den Sfr 13.50 für den London Flug spricht niemand... „Da kann man doch noch sparen, wenn man auf dem eigenen Produkt nichts mehr verdient, dann kappen wir doch die Lebensgrundlage der Reisebüros!“

 

 

Gesagt getan, in den USA hat man 1995 die Provision der Reisebüros abgeschafft, bzw. wurde eine Pauschale pro Flugticket den Reisebüros vergütet. Alles was von den USA kommt ist bekanntlich gut, und vor allem die Airline Manager in Europa konnten ab den Neunziger Jahren selten alleine etwas „Innovatives“ lancieren. Schon vor dem „Grounding“ der Swissair wurde in den Chefetagen der Swissair über die Abschaffung der Reisebüroprovision geredet. Die weitere Geschichte der Swissair kennen wir leider – eigentlich schade, dass man da nicht den Reisebüros die Schuld geben konnte dass es die Swissair heute nicht mehr gibt...

 

 

Die Diskussion über die Abschaffung der Reisebürokommission konnte aber in Europa nicht mehr gestoppt werden. Einige Airlines haben dies schon vor zwei Jahren eingeführt, andere folgten, wie nun auch die Swiss in der Schweiz und die meisten anderen Airlines. Ich finde dies persönlich nicht korrekt. Es ist dies meines Wissens die einzige Handelsbranche, die seinen Agenten und Verkäufern keine Provision zahlt für eine Leistung in deren Namen. Die Zeiten ändern sich, ob dies nun richtig oder falsch ist, wird die Geschichte zeigen – Die Mauer in Berlin ist schliesslich auch wieder zusammen gefallen.

 

 

Für die Reisebüros heisst dies nun, dass ihre Leistung von den Airlines nicht mehr abgegolten werden, also die Mischrechung nicht mehr funktioniert. Vielleicht noch ein Wort zur Mischrechnung. Es gibt Meinungen dazu, dass die Mischrechnung nicht gerecht war. Ist Ansichtssache, ich gebe Ihnen ein Argument dagegen: Ein Flugzeug fliegt von A nach B, hat eine Kostenstruktur von (Annahme) Sfr 200'000.-. Dieser Betrag muss mittels Flugtickets „eingeflogen“ werden. Es gibt günstige und teurere Tarife (Economy, Business und First Klasse), entsprechend gibt es dafür Leistungen für den Kunden. Die Airline zahlt auf den 200'000.- eine Verkaufs- und Distributionsprovision an die Reisebüros (oder an die eigenen internen Verkaufsbüros) von 7%. Diese Kosten belaufen sich also auf Sfr 14'000.-. Der Airline sollte es also egal sein, wie diese Sfr 14'000.- „verteilt“ werden. Sie macht ja auch eine Mischrechnung von den Economy, Business und Firstklasse Tickets, damit sie die gesamten Kosten von Sfr 200'000.- erwirtschaften kann... wieso verwehren die Airlines dies ihren Agenten?

 

 

Da es die Mischrechung für Flugtickets in Zukunft nicht mehr gibt, sind wir Reisebüros nun gezwungen, unsere Dienstleistungen und unser Wissen, Ihnen als unsere Kunden in Rechnung zu stellen. Wandel der Zeit, die nicht nur uns betrifft, sondern im Endeffekt auch Sie - vielleicht in Zukunft sogar Ihre Kinder, die eine Lehrstelle suchen und keine finden, weil sich kein Reisebüro (vielleicht auch andere Branchen in Zukunft) mehr leisten kann Lehrlinge auszubilden – wer will sich schon von einem Lehrling (diese wissen ja eh noch nichts!?) beraten lassen und dafür noch etwas bezahlen... – Geiz ist geil, oder doch nicht? Auf welcher Seite des Astes, den wir absagen, sitzen wir?

 

Es wird aber noch komplizierter... für Pauschalarrangements werden die Reisebüros von den Touroperators wie Kuoni, Hotelplan etc. zum Teil (noch) mit der Verkaufsprovision abgegolten. Also kriegen Sie von uns einmal eine Gebühr verrechnet, und einmal nicht – wer soll da noch die Übersicht behalten...